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»Mit Hängen und Würgen«

Deaths Occurring Following the Application of Choke or Carotid Holds

In: Forensic Pathology. Dominick J. Di Maio, Vincent J. M. Di Maio, New York 1989
(Gekürzte Fassung ohne Literaturangaben)



Selten begegnen einem in der Praxis Todesfälle, die angeblich durch entweder einen Würgegriff (bar arm control) oder einen carotid sleeper hold ausgelöst wurden. Diese Begriffe werden oft unterschiedslos verwendet, beziehen sich aber tatsächlich auf zwei verschiedene Haltegriffe, deren Zweck es ist, eine vorübergehende zerebrale Ischämie und Bewußtlosigkeit hervorzurufen. Bei keinem der beiden werden mechanische Hilfsmittel verwendet. Stattdessen benutzt man Ober- und Unterarm, um den Hals zu komprimieren und so die zerebrale Ischämie und Bewußtlosigkeit auszulösen. Gelegentlich werden ein Schlagstock, eine große metallene Taschenlampe oder andere Hilfsmittel verwendet, um den Hals zu komprimieren. Die Autoren haben einige Todesfälle gesehen, die durch solche Geräte zustandekamen und mit Frakturen des Zungenbeins oder des Kehlkopfs einhergingen. Da anstelle des Arms ein Hilfsmittel eingesetzt wird, handelt es sich dabei nicht wirklich um Todesfälle durch choke holds.

Bei den choke (bar arm control) holds verschließt man durch Kompression des Halses mit dem Unterarm die oberen Atemwege. Die Handlungsunfähigkeit des Opfers resultiert aus der Verlegung der Luftröhre und der Karotisarterien mit daraus folgender Abnahme der Sauerstoffversorgung des Gehirns. Der Unterarm wird gerade vor den Hals gelegt. Die freie Hand greift das Handgelenk und zieht es nach hinten, um so die Luftröhre zu verschließen. Wenn dabei zuviel Gewalt eingesetzt wird, kann es zu Frakturen des Kehlkopfs oder des Zungenbeins kommen. In den zwei von Reay und Eisele berichteten Fällen und in einem kürzlich von den Autoren beobachteten Fall lagen beide Frakturen auf der linken Halsseite. Sie kamen zustande, indem der rechte Unterarm vor den Hals gelegt und mit der linken Hand nach hinten gezogen wurde. Dadurch wurde der Druck ungleichmäßig auf den Hals verteilt; vorrangig auf der linken Seite. Im von den Autoren beobachteten Fall war der linke Unterarm benutzt worden und die Frakturen lagen auf der rechten Halsseite.

Choke holds können auch durch einen anderen Mechanismus tödlich wirken. Beim choke hold kommt es zu einer Handlungsunfähigkeit durch Sauerstoffmangel im Gehirn. Diese Hypoxie ist allerdings generalisiert, da die Luftwege verschlossen werden. Hypoxie macht das Herz anfälliger für Arrhythmien. Der Karotissinus ist eine Struktur in der Karotis interna, gleich oberhalb der Gabelung der Karotisarterie. Stimulation dieser Struktur durch Druckausübung auf den Hals kann Bradykardie und/oder einen Blutdruckabfall hervorrufen. Daher haben wir zwei Faktoren, die das Herz anfälliger für Arrhythmien machen: die Hypoxie durch den Verschluß der Luftröhre und die Bradykardie durch die Stimulation des Karotissinus. Zusätzlich gibt es einen dritten Faktor: den Ausstoß von Katecholaminen. Choke holds werden eingesetzt, um Personen ruhigzustellen, die Widerstand leisten. Setzt man den Griff an, leistet der Betreffende im allgemeinen weiter Widerstand. Das führt zur Freisetzung von Katecholaminen, und zwar Norepinephrin und Epinephrin. Beide können Arrhythmien auslösen. Daher kann die kombinierte Wirkung der Hypoxie und der Katecholamine, die beide Auslöser für Arrhythmien sind, zusätzlich zur Bradykardie durch die Karotissinusstimulation, in eine fatale Herzrhythmusstörung münden.

Beim carotid sleeper hold wird eine symmetrische Kraft ausgeübt, indem man Oberarm und Unterarm an die Seiten des Halses preßt, so daß nur die Karotisarterien und die Halsvenen komprimiert werden, nicht aber der Kehlkopf. Der Arm wird so um den Hals gelegt, daß die Ellenbeuge in der Halsmitte zentriert ist. Die freie Hand greift das Handgelenk und zieht es nach hinten, so daß ein Zangeneffekt entsteht. Das ruft eine vorübergehende zerebrale Ischämie hervor. Der carotid sleeper hold behindert den Blutfluß in den Karotisarterien durch den Druck, der durch die Zangenwirkung von Ober- und Unterarm auf den Hals ausgeübt wird. Wird er korrekt angewendet, führt die Kompression der Karotisarterien in etwa 10-15 s zur Bewußtlosigkeit. Löst man den Haltegriff, setzt die Gehirndurchblutung wieder ein und das Bewußtsein kehrt nach etwa 10-20 s zurück, ohne daß es zu ernsten Nebenwirkungen kommt. Erhält man den Druck aufrecht, kommt das letzten Endes einer manuellen Strangulation gleich und führt - lange genug beibehalten - natürlich zum Tode. [...]

Theoretisch verursacht der carotid sleeper hold schnelle Bewußtlosigkeit, ohne dem Opfer Schaden zuzufügen. Leider kann ein carotid sleeper hold bei sich heftig wehrenden Personen leicht und unbeabsichtigt zu einem choke hold werden, wenn sich das Opfer dreht und wendet, um dem Haltegriff zu entkommen.

Ein korrekt durchgeführter carotid sleeper hold kann auch tödlich sein. Mit Verletzungen der Halsstrukturen ist dabei allerdings nicht zu rechnen. Die Kompression der Karotisarterien und der resultierende verminderte Blutstrom zum Gehirn können bei Personen mit arteriosklerotischer Erkrankung der Karotiden oder der Hirngefäße theoretisch einen Schlaganfall hervorrufen. Durch den Druck können arteriosklerotische Beläge abgelöst werden und einen Hirnschlag durch Embolie verursachen. Die Durchblutung des Gehirns wird durch die Karotis- und die Vertebralarterien gewährleistet. Wenn die Durchgängigkeit der Vertebralarterien durch Arteriosklerose vermindert ist, kann der Verschluß der Karotisarterien die bereits eingeschränkte Zirkulation weiter verschlechtern und so eine Thrombose oder einen Schlaganfall auslösen.

Halskompression durch einen carotid sleeper hold kann auch zu einer Karotissinusstimulation mit Bradykardie führen. Der Gebrauch des Haltegriffs bei erregten und Widerstand leistenden Personen kann den Widerstand noch verstärken, was mit erhöhtem Katecholaminausstoß einhergeht. Die Katecholamine können zusammen mit der Karotissinusstimulation einen Herzstillstand auslösen. Leidet der Betreffende zusätzlich unter einer bereits vorhandenen Herzerkrankung, kann er noch empfindlicher auf Bradykardie und die Arrhythmien begünstigende Wirkung der Katecholamine reagieren.

 

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