Howtos

»Mit Hängen und Würgen«
Gefahr
Auszug aus: Ulrich Aufmuth, Zur Psychologie des Bergsteigens, Frankfurt am Main 1988, S. 94-95


"Wie gefährlich ist das extreme Bergsteigen klassischen Stils? Werden Extremalpinisten mit dieser Frage konfrontiert, so wiegeln sie nach meiner Erfahrung in den meisten Fällen ab. Sie versuchen mit den verschiedensten Argumenten, glaubhaft zu machen, daß ihr Tun keinerlei besonderes Risiko beinhalte. Oft zu hören bekommt man in diesem Zusammenhang den Hinweis auf das Autofahren. Das extreme Bergsteigen, so heißt es, sei nicht gefährlicher als eine Überlandfahrt im Auto.

Aus den Fahrtenschilderungen der großen Extremen ergibt sich indes ein anderes Bild. Wo die Extremen frei von der Leber weg erzählen, da wird das Risiko ihres Tuns in einer Vielzahl von dramatischen Episoden deutlich.

Plötzlich rutscht mir der Boden unter den Füßen weg - der Block ist ausgebrochen! Blitzartig habe ich noch die Situation erfaßt, instinktiv stoße ich mich von der Wand, und was nun folgt, spielt sich in Sekunden ab. Sekunden - in denen ich über die Grenze geblickt habe ...

Hermann Buhl, von dem diese Zeilen stammen, hat weit über ein Dutzend solcher Situationen erlebt, in denen er den Hauch des Todes verspürte. So wie Buhl blicken die meisten Extremen nach ein, zwei Jahrzehnten aktiven Bergsteigerdaseins auf eine ganze Reihe von Episoden der unmittelbaren Lebensbedrohung zurück. Die Fahrtenberichte der Großen des Alpinismus variieren in vielfältigster Weise das Thema 'Noch einmal Glück gehabt'.

Im Bestreben, seinen Lesern darzutun, wie glimpflich er über die ersten beiden Jahrzehnte seiner Extremenlaufbahn hinweggekommen war, schrieb der Franzose Lionel Terray einmal: 'Ich habe Hunderte schwieriger Unternehmungen in all den speziellen Spielarten des Alpinismus durchgeführt, und dennoch bin ich nicht öfter als etwa zwanzigmal dem Tod wirklich nahe gewesen.' Als nichtextremer Leser ist man angesichts des 'nicht öfter als zwanzigmal' in diesem Zitat einigermaßen verdutzt. Was ist das für ein Sport, bei dem zwanzig Berührungen mit dem Tode bis zur Mitte des Lebens offenbar wenig sind! Terray starb den Bergtod, wie auch Buhl. Für einen großen Teil derer, die jahrelang extreme Touren durchführen, gilt das, was Messner über seine Kameraden von der italienischen Lhotseexpedition schreibt:

Die meisten unter ihnen hatten schon Grenzsituationen durchlebt, mit schlimmsten Stürzen, mit Kälte bis zur Gefühllosigkeit, hoffnungslose Lagen ... Fünf oder sechs, die schon einen oder mehrere Partner verloren hatten. Einige, die man selbst bereits abgeschrieben hatte und die dann doch wieder zurückgekommen waren, wider Erwarten sozusagen.

Immer wieder stößt man in den Bergerinnerungen von Extremen auf erschütternde Reminiszenzen an verunglückte Kameraden. Die Liste der Beklagten kann grauenvoll lang sein, wie bei Andrea Oggioni:

Persönlich ziehe ich eine traurige Bilanz, wenn ich an jene denke, die sich mit mir in einer Seilschaft zusammengetan haben ... Emilio Villa ist an der Comici-Route in der Grignetta abgestürzt, Luigi Castagna am Lanciaturm in der Grignetta, Felice Battaglia und Walter Pagani am Pizzo Badile. Renato Scalvini ist in den Seilen im Leeren hängend am Pfeiler der Tofana di Rozes gestorben, Carlo Rusconi von den Magnagotürmen gestürzt, Gaetano Maggioni und Alessandro Cazzaniga sind Opfer des Matterhorns geworden, und heute tragen wir Pier Francesco Faccin als Opfer des Crozzon di Brenta zu Grabe.

Der nächste in dieser grausigen Reihe war Oggioni selbst. Er ließ sein Leben in der traurig-berühmten Tragödie am Mont Blanc.

Nun will ich meine Dokumentation zur Gefährlichkeit des extremen Bergsteigens beschließen; es sieht sonst am Ende so aus, als wollte ich die Extrembergsteigerei in Mißkredit bringen. Das ist indes nicht meine Absicht.

Die Sprache der Tatsachen ist meines Erachtens eindeutig: Das extreme alpine Bergsteigen ist gefährlich. Gegenüber dem Alltagsdasein birgt es ein deutlich erhöhtes Lebens- und Gesundheitsrisiko. Daraus sollte man nicht den Schluß ableiten, Extremalpinisten seien untergangssüchtig, oder sie liebäugelten insgeheim mit dem Tod. Extreme hängen an ihrem Leben, ganz besonders wenn sie im Gebirge sind. Was Extrembergsteiger brauchen und suchen, das ist das Bewußtsein eines erhöhten Risikos, nicht aber das Unglück selbst. Für sie ist bedeutsam die klare Empfindung von der Nähe des Todes. Der Tod selber ist ihnen schrecklich wie jedem anderen Menschen. Davon wird später noch zu sprechen sein.

 

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