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»Mit Hängen und Würgen«
Darf man zu diesem Thema überhaupt Informationen veröffentlichen?


Hazelwood, Dietz und Burgess schreiben dazu im Vorwort zu "Autoerotic Fatalities":

"Veröffentlichungen zu diesem Thema bringen ganz spezielle Probleme mit sich. Eine schwerwiegende Frage war, ob das Risiko bestand, dieses gefährliche Verhalten erst bekannt zu machen, indem wir darüber schrieben. Im Verlauf unserer Untersuchung stellten wir fest, daß diese Verhaltensweisen der Öffentlichkeit bereits durch Literatur, Film und die Massenmedien bekannt waren. Daher glauben wir, daß die Zeit für eine sorgfältige wissenschaftliche Darlegung der Fakten gekommen ist.

Andere Verhaltensforscher und Mediziner haben vor ähnlichen Problemen gestanden. Viele Jahre lang haben Ärzte, die das Sexualverhalten studierten, ihre Ergebnisse auf Latein veröffentlicht, um die weniger gebildeten Stände davon abzuhalten, mehr über diese Angelegenheiten zu erfahren. Dem lag der Glaube zugrunde, eine Beschäftigung mit dem Sexualverhalten würde zur Lüsternheit anstacheln und zur Verwahrlosung führen. Vor weniger als einem Jahrhundert wurde ein Verfahren wegen Obszönität eingeleitet, als Havelock Ellis' monumentale Studies in the Psychology of Sex zum ersten Mal ins Englische übersetzt wurden. [...]

In jüngerer Zeit, während der Erforschung des Drogenmißbrauchs in den 60er Jahren, hielt man es zeitweise für unangebracht, über die Wirkung bestimmter Drogen zu schreiben, um damit nicht zu ihrem Gebrauch zu verleiten. Erst wenn eine Droge in der Subkultur bereits wohlbekannt war und allgemein missbraucht wurde, verlagerte sich die Verantwortung der Zuständigen darauf, verlässliche Informationen bereitzustellen, anstatt sie vor der Öffentlichkeit zu verheimlichen." (HDB83)

Die Theorie, der zufällige Zugang zu Informationen über Atemkontrollspiele verleite grundsätzlich zu eigenen Experimenten, scheint auch von der Seite der Praktiker aus betrachtet unwahrscheinlich. Selbst in BDSM-Kreisen, wo die Existenz dieser Praktiken wohlbekannt ist und sie in fast jedem Buch zum Thema erörtert werden, hat nur eine kleine Minderheit eigene Erfahrungen damit oder auch nur den Wunsch, eigene Experimente anzustellen. Alle Aussagen, die sich hierzu in wissenschaftlichen Texten finden, beruhen auf reiner Spekulation, da praktisch die gesamte Forschung auf Mutmaßungen über tote Personen basiert. Die BDSM-Gemeinde hat in dieser Hinsicht einen nicht zu unterschätzenden empirischen Wissensvorsprung, und zumindest aus dieser Perspektive sieht es so aus, als gäbe es eine kleine Randgruppe, die sich zu Atemkontrollspielen hingezogen fühlt und eine große Mehrheit, die allen Informationen über das Thema zum Trotz der Sache einfach nichts abgewinnen kann. Da für diese kleine Randgruppe das alte Gesetz "Sie tun es ja doch" (und zwar zum großen Teil bereits im Pubertätsalter) gilt und schlecht informierte Personen das Risiko - insbesondere das Risiko von Solospielen - eher unter- als überschätzen, ist das vorsätzliche Zurückhalten von Informationen über Atemkontrollspiele nicht sinnvoll.

Insbesondere ist es nicht sinnvoll, Jugendlichen Informationen über Atemkontrollpraktiken vorzuenthalten. Ein erheblicher Anteil der bei autoerotischen Unfällen Verstorbenen ist jünger als 18 Jahre:

"Das Alter zum Todeszeitpunkt der Opfer variierte zwischen 10 und 56 (Mittelwert 26,0, Median 24,0) Jahren. Die Altersverteilung war eindeutig ungleichmäßig, ein Drittel der Betroffenen war jünger als 19." (BH91)
"Asphyxiophiliefälle treten bei Männern zwischen 11 und 75 Jahren auf. Die häufigste Altersgruppe ist 12-25 Jahre; in dieser Altersgruppe treten die meisten Todesfälle auf." (IE89)
"Das jüngste Opfer war ein 11 Jahre alter Junge, das älteste ein verheirateter Mann von 52 Jahren. Die meisten Opfer waren zwischen 15 und 25 Jahre alt." (Lun92)
"Diese Männer sind in der Regel jung; die meisten der bekannten Todesfälle traten bei Teenagern oder jungen Männern auf, die zum Todeszeitpunkt unverheiratet waren." (LW82)
"Tödliche autoerotische Manipulationen kommen vom Beginn der Pubertät bis in das hohe Lebensalter vor, bevorzugt und gehäuft in der Pubertät bei Jugendlichen und Heranwachsenden, die in psychischer und physischer Hinsicht noch einem Reifungsprozess unterworfen sind. Hier mag Neugier, Unsicherheit und Unerfahrenheit in sexuellen Dingen ein Grund für die relativ hohe Anzahl sein. Knapp 50% der Opfer waren zwischen 12 und 30 Jahre alt." (Sch75)
"Die Mehrheit der Todesfälle trat in einem Alter unter 25 Jahren auf, die Altersverteilung reichte aber von 14 bis 75 Jahren." (WS+77)
"Das Alter der Opfer lag zwischen 9 und 77, wobei die Mehrheit zwischen 9 und 29 Jahre alt war und etwas weniger als ein Drittel der Stichprobe zwischen 30 und 77 Jahre alt war." (HBG81)
"Das Alter der Opfer in der Studie von Hazelwood et al. reichte von der Vorpubertät bis zu über 70 Jahren mit einem Durchschnittsalter von 26,5 Jahren. Die Mehrheit war zum Todeszeitpunkt unter 30 Jahre alt, was sich mit den von Walsh (1977) berichteten Fällen und der eigenen Erfahrung des Autors deckt. Brittain (1968) deutet an, dass die meisten Opfer zwischen 12 und 17 Jahre alt sind. In der (unveröffentlichten) Stichprobe des Autors waren Teenager ebenfalls überrepräsentiert und machten beinahe die Hälfte der Gesamtzahl aus." (Huc90)
"Das Durchschnittsalter der Opfer lag bei 26,5 Jahren. Vier Opfer waren Kinder, 37 waren Teenager, 46 waren in den Zwanzigern, 28 in den Dreißigern, 8 in den Vierzigern, 6 in den Fünfzigern, 2 in den Sechzigern und 1 in den Siebzigern." (HDB83)

Geht man angesichts dieser Zahlen von etwa einem Drittel minderjähriger Opfer aus, ergeben sich für Deutschland auf der Basis der im Abschnitt Autoerotische Praktiken zitierten Schätzungen jährlich zwischen 15 und 150 autoerotische Erstickungstodesfälle bei Minderjährigen. Eine bessere Aufklärung über die mit diesen Praktiken verbundenen Risiken kann daher nicht den über 18-jährigen vorbehalten bleiben. Angesichts der allgegenwärtigen Hinweise auf solche Praktiken in allgemein zugänglichen Medien (nur ein Beispiel aus jüngerer Zeit: "Die Wiege der Sonne", FSK 16) ist es nicht sinnvoll, dass ausgerechnet Informationsmaterial Einschränkungen in seiner Verbreitung unterliegen soll. Die Befragung von Praktikern zeigt zudem, dass der Anstoß zu Phantasien und Experimenten in aller Regel aus Mainstreammedien wie Hitchcock-Filmen und Western stammt.

 

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