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»Mit Hängen und Würgen«
Anmerkungen zu Jay Wisemans "The Medical Realities of Breath Control Play"


Die Texte von Jay Wiseman sind unter den besten, die es im Web zum Thema Atemkontrollspiele gibt. Was die Interpretation der vorhandenen Literatur und die Risikoabschätzung angeht, vergreift er sich aber meiner Meinung nach in einigen Punkten:

 

"Additionally, there are documented cases in which the recipient appeared to fully recover but was found dead several hours later."

In allen solchen Fällen, die die Literatur hergibt, waren die Betroffenen längere Zeit gewürgt worden (d.h. deutlich über den Zeitpunkt, zu dem sie das Bewußtsein verloren, hinaus). Die Gehirnschäden, die schließlich (zum Teil erst nach Wochen) zum Tode führten, wurden eindeutig auf diesen Sachverhalt zurückgeführt. Siehe z.B. Hen90: "... ist eine mehrminütige (3-5 min) Anoxie des Gehirns zu fordern. Hierbei gilt es zu beachten, daß auch noch nach Beendigung der Strangulation eine fortdauernde Bradykardie und Herzinsuffizienz mit Blutdruckabfall cerebrale hypoxische Folgen bewirken kann."

 

"Most such deaths occur during solo play, however there are many documented cases of deaths that occurred during play with a partner. It should be noted that the presence of a partner does nothing to limit the primary danger, and does little or nothing to limit most of the secondary dangers."

Das ist irreführend formuliert. Die nicht nur primäre, sondern praktisch ausschließliche Gefahr bei autoerotischen Atemkontrollspielen ist die, daß man das Bewußtsein verliert und in der Folge erstickt. Diese Gefahr läßt sich durch die Anwesenheit eines verantwortungsbewußten Partners um ungefähr hundert Prozent verringern. Die secondary dangers kommen weit abgeschlagen hinter den primary dangers; tatsächlich ist es mir bisher nicht gelungen, auch nur einen einzigen Fall ausfindig zu machen, in dem jemand beim Spiel mit einem Partner an einer der von Wiseman aufgeführten secondary dangers verstorben wäre. Todesursache ist in den wenigen belegten Fällen die Verantwortungslosigkeit des Partners (Mann gerät beim Würgen während des Geschlechtsverkehrs so außer sich, daß er seine Frau erwürgt / Pärchen praktiziert gleichzeitig Atemkontrollspiele).
(In einer privaten Mail erläutert Jay Wiseman, daß er mit primary dangers die Gefahren fürs Herz meint und mit secondary dangers alle anderen. Aus dem ursprünglichen Text geht das meiner Meinung nach nicht hervor.

 

"There are many documented cases of as little as five seconds of choking causing a vagal-outflow-induced cardiac arrest."

Bisher konnte ich keinen Fall ausfindig machen, in dem der Tod eindeutig auf einen solchen Reflex zurückgeführt werden konnte. Wiseman konnte und wollte diese many documented cases bisher - trotz langen und hartnäckigen Nachfragens - nicht näher benennen. Meines Erachtens existieren sie nicht, und Wiseman führt seine Leser wissentlich in die Irre.

 

"For the reason cited above, many police departments have now either entirely banned the use of choke holds ..."

Aus verschiedenen Gründen haben diese police choke holds wenig mit dem zu tun, womit wir uns beschäftigen. Die Theorie, daß es sich bei den belegten Todesfällen um durch den Würgegriff ausgelöste Vagus- oder Karotissinustode handelt, wird in den Texten, die ich gefunden habe, durchgehend verworfen. Die Opfer sind hochgradig erregte, heftigen Widerstand leistende Personen, die in den meisten Fällen unter Alkohol- oder Drogeneinfluß (meist Kokain) stehen, und es geht im allgemeinen darum, daß ein bis zwei Polizisten auf dem Rücken des Opfers knien. Zuckungen des bereits bewußtlosen Opfers werden oft als weitere Gegenwehr interpretiert und der Würgegriff fortgesetzt. Zusätzlich fehlen in der Regel zuverlässige Zeugen, die beweisen können, daß die Polizei keine unangemessene Gewalt angewendet hat. Mir scheint es ausgesprochen mutig, aus diesen Fällen Schlußfolgerungen für den BDSM-Bereich abzuleiten.

 

"While there are numerous case reports of deaths involving both solo play and partner play (far more of the former than the latter), including a report of a breath control fatality at a play party -- Brotherhood of Pain, Houston, 1985 ..."

Das spezifische Risiko, das autoerotische Spiele so gefährlich macht, läßt sich, wie bereits angeführt, durch die Anwesenheit eines Partners praktisch ausschließen. Es ist irreführend, in diesem Zusammenhang immer wieder mit autoerotischen Spielen zu vergleichen. Der erwähnte Todesfall in Houston kam übrigens durch grobe Fahrlässigkeit zustande (so wie alle anderen Todesfälle mit Partner, die ich bisher finden konnte).

 

"The risk level for doing breath control with a partner is presumably somewhere between the two (there are, after all, numerous case reports of such incidents) ..." [Wiseman spricht von den nicht vorhandenen Todesfällen in Kampfsportarten einerseits und den zahlreichen autoerotischen Todesfällen andererseits]

Der erste Teil der Aussage ist wenig sinnvoll, der zweite irreführend. Das Risiko autoerotischer Spiele geht uns in diesem Zusammenhang nichts an - ebensogut könnte man behaupten, daß das Risiko von Atemkontrollspielen mit Partner irgendwo zwischen Zuhausebleiben und Fliegen liegt. Das ist mathematisch unanfechtbar, hilft uns aber nicht weiter. Und die schon mehrfach erwähnten numerous case reports stammen eben so gut wie alle aus dem autoerotischen Bereich.

 

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