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Der Papiertiger: Geschichte der Forschung

 
   
   
   
   
   
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Geschichte des Sadomasochismus

Der Papiertiger ist eine Enzyklopädie des Sadomasochismus, zusammengestellt von Datenschlag. Hier versuchen wir, möglichst umfassend, Begriffe aus dem SM-Bereich zu erklären.


Achtung, noch ziemlich unbearbeitet. Sollte in kleine Teile gehackt und auf die Einträge zu den jeweiligen Forschern verteilt werden.

Von wissenschaftlicher Seite sind über die Jahrzehnte ganze Berge von Papier mit Theorien und Überlegungen zum Thema aufgetürmt worden, fast ausschließlich von Vanilles, die nicht den geringsten Kontakt zur Subkultur besaßen, sondern sich auf Fallbeschreibungen von solchen Leuten stützten, deren Leidensdruck sie zum Arzt trieb oder die die Polizei anschleppte. Dieser Fall muss auch noch als der günstigste gesehen werden: In vielen Fällen wurde jeder Kontakt zur Wirklichkeit aufgegeben und durch rein theoretische Überlegungen und Vorstellungen ersetzt. Zur faktischen Grundlage für alle wissenschaftlichen Theorien über den Sadomasochismus wurden damit der verschwindend geringe Teil der Sadomasochisten, der wegen dieser Interessen einen Arzt oder Therapeuten aufsuchte oder aufzusuchen gezwungen wurde. Das Erleben, die Erfahrungen und Einsichten von Sadomasochisten, die mit ihren Neigungen problemlos und zufrieden leben konnten, also der Gruppe von Sadomasochisten, die nach der heutigen Betrachtung den Kern der eigentlich sadomasochistischen Subkultur bilden, flossen in diese Theorien an keiner Stelle ein. Dies entspricht in etwa einer Theorie der Vanille-Sexualität, die nur von Vergewaltigungen ausgeht.

Ab hier noch ganz unüberarbeitet.

Wo die Phantasien einiger Wissenschaftler selbst beim besten Willen nicht mehr als Hypothesen ihres Datenmaterials gesehen werden können, werden sie unter Vorurteilen besprochen.

Sadomasochisten zeigen das gleiche Desinteresse an den traditionellen wissenschaftlichen Theorien über ihre Neigungen, wie ein moderner Chemiker einem Streit unter Alchemisten entgegenbringen würde. Verständlich wie diese Einstellung ist, verhindert sie leider auch, dass die alten Theorien genügend Kontakt mit der Wirklichkeit bekommen, um auch von den von einer zwangsweise eingeschränkten Sichtweise agierenden Wissenschaftlern als unbrauchbar erkannt zu werden. Wenn sich die weiter unten vorgestellten, teilweise nur als abenteuerlich bezeichenbaren Theorien z.B. der Psychoanalyse bis in die heutige Zeit gehalten haben, ist das zu einem gewissen Teil auch die Schuld der Sadomasochisten selbst.

(Krafft-Ebing)

Historisch einen der grössten Einflüsse auf den Begriff hatte in Deutschland Krafft-Ebing in seiner Psychopathia sexualis um die Jahrhundertwende. Von ihm stammen auch die Begriffe Sadismus, den er für die Quälsucht nach de Sade, Marquis und Masochismus nach Sacher-Masoch, Leopold von übernahm. Wie dort beschrieben war Letzterer gar nicht glücklich über die Verwendung seines Namens. In seinem hervorragenden Vorwort zu Szenen und Rituale1 schreibt Erwin Häberle dazu

Sacher-Masoch war aber kein Masochist und wollt auch keiner sein. Er war nur er selbst, ein Besonderer, Unverwechselbarer, eine künstlerische Natur, ein auch im Ausland geehrter Schriftsteller, den der neue Gattungsname nun gewaltsam auf einen einzigen Aspekt seiner hochkomplexen Persönlichkeit reduzierte. Diese Persönlichkeit als ganze wurde entwertet - ein platter Triumph der "Wissenschaft" über die Kunst.

Neben der persönlichen Tragödie für von Sacher-Masoch hat die Neigung der Forschung der damaligen Zeit, von Einzelfällen ausgehend einen ganzen Unterabschnitt der Medizin aus dem Boden zu stampfen, bis heute katastrophale Auswirkungen, wie jeder von den gesellschaftlichen Folgen betroffene Homosexuelle oder Sadomasochist bezeugen kann.

Die Medizin der dermaligen Zeit und die Menschen, die sie hervorgebracht haben, charakterisiert Häberle weiter so:

Die Naivität einer Psychiatrie, die aus einzelnen "Fällen" von sexuellem Nonkonformismus ganze "Psychopathien" und "Perversionen" konstruierte und diese dann mit "Degeneration", "Atavismus" oder angeborender "Abartigkeit" erklärte, ist heute nicht mehr akzeptabel. In der Tat wird den heutigen Lesern der damaligen Fachliteratur mit Erschrecken klar, wie wenig die Autoren offensichtlich vom Leben kannten, wie "behütet", abgeschottet und blind sie in ihren Kliniken und an ihren Schreibtischen sassen, wie wenig sie von den Sitten anderer Völker, von der eignen Kulturgeschichte, von den Lebensverhältnissen der "niederen Klassen" wussten, wie unbekümmert sie ihren grossbürgerlichen, mitteleuropäischen Vorurteile allem Unvertrauten überstülpten.

(Subkultur)

Die Charakterisierung des Sadomasochismus auf der Basis von krankhaften Einzelfällen und Realsadist (s. Eintr.: Soziopath)en muß auch als einer wichtigsten Gründe gesehen werden, warum die Existenz einer eigenständigen Subkultur lange Zeit von der Wissenschaft völlig ignoriert wurde, siehe dort. Der Ansatz, den Sadomasochismus als eine Krankheit eines Individuums zu betrachtet, lässt derartigen Vorstellungen auch keinen Platz. Statt von einem Teil der Bevölkerung auszugehen, der einen bestimmten Satz von Neigungen teilt und diese abgetrennt von der restlichen Gesellschaft auslebt, galten Beziehungen zwischen Sadomasochisten, soweit ihre Existenz überhaupt akzeptiert wurde, als zufällige Bekanntschaften zwischen Leidensgenossen. Da ein Teil der Fälle, die den Wissenschafltern zur Verfügung standen, tatsächlich als krank oder gefährlich gesehen werden müssen und das eine der wichtigsten Funktionen der sadomasochistischen Subkultur gerade in der Ausgrenzung von unzurechnungsfähigen, nicht vertraünswürdigen und gefährlichen Individün besteht, konnte über diese Patienten auch kein Kontakt zu bestehenden Subkulturen entstehen.

(Psychoanalyse)

Einen enormen und für Sadomasochisten bis zum heutigen Tag prägenden Einfluss auf die Sexualmedizin haben die Theorien der Psychoanalyse, allen voran natürlich die von Freud, Sigmund gehabt, siehe auch diese Einträge. Grundlage dieser Vorstellungen sind auch bis heute die Vorstellungen von Freud, die 1905 in Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie2 publiziert wurden. Die bisher auf das Bild des einzelnen Kranken stehenden Vorstellungen zu den Perversionen, die eine Krankheit oder eine körperliche Schädigung als Grund sahen, wurden durch die Vorstellung des einzelnen Fehlentwickelten ersetzt, dessen Neigungen durch Störungen der kindlichen Reifung entstehen. Ein wesentlicher Punkt war, daß es jetzt das Versprechen einer möglichen Therapie der Paraphilien gab, etwas, das vorher als eigentlich hoffnunglos abgetan worden war.

(Voyeurismus)

Der psychoanalytische Ansatz trieb einige seltsame Blüten. So warnte C.G. Jung Eltern davor, ihren Töchtern (!) das Grimm-Märchen Drosselbart vorzulesen, das er als Archetyp einer SM-Beziehung sah, weil sie sich sonst nach Quälereien sehnen könnten3.

(Kinsey)

Der erste wirkliche und wohl bis heute wichtigste Schritt in Richtung einer Vorstellung über den Sadomasochismus und überhaupt der menschlichen Sexualität, die nicht von krankhaften Einzelfällen, verbrecherischen Individün oder der Phantasie einzelner Forscher ausging, waren die 1948 und 1953 von Kinsey, Alfred erhobenen Daten zum Sexualverhalten von Männern und Frauen in den USA. Zum ersten Mal wurden gesunde, normale Menschen in einer grösseren Anzahl zu ihrem Sexualverhalten befragt, zum ersten Mal stand die Wirklichkeit vor den theoretischen Vorstellungen der Gelehrten.

Es ist bekannt, daß Kinsey sich auch als einer der ersten ausführlich mit zumindest dem homosexuellen Sadomasochismus auseinadergesetzt hat (siehe den Text dazu in4 für eine persönliche Beschreibung einer der Beteiligten), allerdings erst 1949, nachdem er sein Werk über die Sexualität des Mannes veröffentlicht hatte.

Eine der erstaunlichsten Einflüsse kommt aus der Richtung der Philosophie insbesonderer von Sartre, Jean-Paul, der wie dort genauer beschrieben eine ausgeklügelte Theorie über den Sadismus und Masochismus (nicht dem Sadomasochismus) aufgestellt hat, ohne sich auch nur der Form halber um einen Kontakt zu reellem Datenmaterial zu bemühen. Das 1943 im französischen Original und 1952 als erste, unvollständige Übersetzung erschienene Das Sein und das Nichts5 erwies sich auf eine ganze Generation als enorm einflussreich und davon blieb auch die Medizin nicht verschont. So hat Giese in6 noch 1962 eine enorme Menge aus Sartre für einen Eintrag über den Sadomasochismus entnommen und sie völlig gleichberechtigt neben die zugegeben spärlichen medizinischen Daten gestellt, ganz so, als wären sie das Ergebnis von wissenschaftlichen Untersuchungen. Zum Teil kann dieser doch späte Einfluss auch darauf zurückzuführen sein, daß 1962 auch die erste vollständige deutsche Übersetzung erschien. Es ist unklar, ob Sartre in seinem Leben überhaupt einen Sadomasochisten zu Gesicht bekommen hat. Besonders nach seinen Ausführungen über die Schuld als Kern des Sadomasochismus und die Lust des Masochisten am Scheitern einer sadomasochistischen Beziehung muß man das aber ernsthaft bezweifeln. Ähnlich wie Krafft-Ebing fast 50 Jahre zuvor geht Sartre auch von dem Einzelfall Sacher-Masoch aus und errichtet darauf ein riesiges Gedankengebäude, ohne sich Gedanken um das Fundament zu machen. Siehe die genauere Diskussion unter Sartre, Jean-Paul, dort auch mehr zu den Punkten, die Giese als faktisches Wissen übernommen hat.

Die 1962 erschienene Psychopathologie der Sexualität von Hans Giese6 ist überhaupt eine besonders faszinierende Quelle. Kurz vor Stonewall (1969) und dem Beginn der Emanzipation der Schwulen wird hier noch wie selbstverständlich von dem homosexuellem Syndrom gesprochen, dessen Krankheitsbild Dutzende von Seiten einnimmt, gleichzeitig ist schon die Untersuchung von Kinsey, Alfred erschienen7 und die Erkenntnis, daß die menschliche Sexualität in der Wirklichkeit weit vielfältiger ist, als sich die Schreibtischwissenschaftler es sich je hätten träumen lassen. Giese sieht selbst sieht das Werk als den Nachfolger der ursprünglichen Arbeit von Krafft-Ebing. Welchen Stellenwert auch diesmal die Frage der Moral einnimmt, sieht man schon daran, daß ein Drittel des ersten Kapitels, ganze 40 Seiten, mit den Grundsätzen der christlichen Kirche gefüllt sind, die so Themen erläutern wie Ehe als Schöpfung Gottes und Verirrungen gegen das Gut der Nachkommenschaft - in einem offiziell als medizinisches Lehrbuch propagiertem Werk.

Das Problem mit einer Medizin aus der Theorie heraus betrifft nicht nur die kritiklose Übernahme von Sartre und Fragen der Theologie, sondern durchzieht6 von vorne bis hinten. An einer Stelle wird ein Passsage aus Franz Kafkas Novelle "Strafkolonie" zitiert, als würde es sich dort um einen wirklichen medizinischen Fall handeln. Und zu der allgemeinen Diskussion der Paraphilien schreibt er ganz offen:

Diese Leitsymptome...stellen verifizierbare Fakten dar ... wenngleich ihnen größtenteils geisteswissenschaftliche Überlegungen zugrunde liegen.

Hier liegt ein Paradebeispiel von dem vor, was Häberle weiter oben
in seinem Vorwort zu Szenen und Rituale beschrieben hat: ein
Mediziner, der blind in seiner Klinik und an seinem Schreibtisch sass, ohne
Kontakt zur Realität. Da die aus dieser Haltung entstanden Vorstellungen
noch 1962 als medizinische Wahrheit propagiert wurden und ihr Einfluss
daher noch als recht gross gesehen werden muss, werden sie hier genauer
beschrieben.

In Giese finden wir auch die klassischen Leitsymptome und Charakeristika der Paraphilien, wie sie auch auf den Sadomasochismus zutreffen sollen: Verfall an die Sinnlichkeit, Zunehmende Frequenz, abnehmende Satisfaktion (Befriedigung), Promiskuität und Anonymität und, einem Zentralpunkt dieses Textes, der Süchtigkeit.

Verfall an die Sinnlichkeit

Wie ahnungslos Giese im Bezug auf den Sadomasochismus ist merkt der sadomasochistische Leser an der folgenden Passage:

Der auf den Stuhl festgebundene, mit Marterwerkzeugen bearbeitete Masochist, dessen Gesicht mit einer Ledermaske verhüllt ist, stellt ein lebendiges Bild solcher Vereinsamung dar. Er wartet, das ist richtig, aber er wartet nur auf das Eintreten des eigenen Orgasmus, und dies stundenlang.

Das Erlebnis der Bottomrolle des Sadomasochismus, der nicht umsonst in der Sprache der Subkultur mit Headspace bezeichnet wird, das gesamte geistige Erleben des Sadomasochismus, der Sexualform, die im Kopf abläuft, wird hier mit einem Satz fortgewischt und auf ein blosses Hinauszögern des Orgasmus reduziert. Es wird hier klar, daß Giese wohl nie einer sadomasochistischen Session begewohnt hat, als Sexualwissenschaftler der Praxis seines eigenen Fachgebietes séhr fern war.

Zunehmende Frequenz, abnehmende Satisfaktion

Promiskuität und Anonymität

Was man von der Promiskuität als Vorwurf oder gar Diagnose verstehen soll, von einem Menschen, der die "Polygamie des Mannes" als mögliches Symptom einer Perversion sieht, sei hier dahingestellt; hier dürften geänderte gesellschaftliche Vorstellungen darüber, was moralisch zulässiges Verhalten ist, den grössten Effekt ausmachen.

(Oberflächlichkeit)
Wie von einer Anonymen und damit verbundenen oberflächlichen Beziehung gerade zwischen Sadomasochisten sprechen kann, denen von der Medizin inzwischen selbst eine enorme Vertrautheit und Intimittät in ihrer Subkultur bescheinigt wird, ist erst dann verständlich, wenn man sich klar macht, daß zur Zeiten von Giese es die Vorstellung einer Subkultur überhaupt nicht gab. Basierend auf dem Fallmaterial, daß den Wissenschaftlern der damaligen Zeit als die Basis für ihre Vorstellung des Sadismus und Masochismus diente, basierend auf den rein theoretischen Gedankenspielen von Sartre, mag die Vorstellung, so albern sie heute klingt, durchaus damals logisch erscheinen.

Suchtverhalten

Suchtverhalten oder der Zwang zur Steigerung wird auch genauer unter Vorurteile besprochen, da es eine Vorstellung der Wissenschaft ist, der sich in den Köpfen der Allgemeinheit festgesetzt hat - daher auch die Bedeutung des Baums als Bild für die saodmasochistische Sexualität (siehe Baum des Sadomasochismus). Die Vorstellung der Sucht bei Paraphilien geht auf von Gebsattels in einem Werk von 1932 zurück8.

Interessanterweise gibt Giese an einem Punkt selbst zu, daß die Sucht nicht für alle Paraphilien gilt:

Der süchtige Verlauf ist nicht nur die Folge sexueller Fehlhaltungen, die, äusserlich gesehen, Anormalien darstellen. Er kann nämlich aber auch im Verlauf gewohnter abnormer Verhaltensweisen, z.B. vom Stil des Sadomasochismus oder des Homosexuellen, auch fehlen.

In der 15. Auflage der Encyclopädia Britannica von 1979 wird unter Sexual Deviations nochmal dieser Stand des Wissens zusammengefasst. Die Homosexualität hat hier zwar schon eine gewisse Sonderstellung, aber nicht, weil sie keine Paraphilie mehr ist, sondern weil sie die "häufigste" davon darstellt. Als Grund für diese Häufigkeit vermutet sie folgendes:

It may be the most prevalent deviation because it is closest to heterosexuality in offering the pleasure of being sexually with a willing object recognized as quite human.

Die Einstellung zum Sadomasochismus ist ähnlich. Es wird weiterhin zwischen Sadismus und Masochismus getrennt, der Bezug liegt fast gänzlich bei Freud, Sigmund und die Rolle der Frauen beim Masochismus ist noch unverändert:

Masochistic sexual fantasies are ubiquitous in women, but overt masochistic behaviour to the point of sexual excitement seems more prevalent in men.

Wobei mit ubiquitous hier in jedem Fall vorkommend gemeint ist. Frauen in der Rolle als Top sind auch mehr Werkzeuge der Männer:

Women who perform sadistic acts during sexual relations are often not sexually excited but have been put to use by masochistic men.

Gründe für Sadismus beinhalten hier auch die Vorstellung, daß der Sadist Angst vor der Impotenz hat und sich deswegen dem Opfer auf die "leichtere" Art nähert, sowie die Vorstellung des Sadisten als ein puritanisch erzogener Mensch, der den anderen dafür bestraft, dass er beim Sadisten diese Erregung hervorruft. Neben den üblichen Freud'schen Vorstellungen über Masochismus wird auch die aufgeführt, daß Masochismus in Wirklichkeit nur im Zaun gehaltener Sadismus ist -es wird auf die Gefahr hingewiesen, daß der Masochist in einen sadistischen Anfall "explodieren" könne. Hier gilt noch die Vorstellung des einzelnen, isolierten Kranken, der nur per Zufall eine Verbindung mit seinem Gegenstück eingeht. Auch wenn zu diesem Zeitpunkt einiges über die homosexuelle Subkultur aufgeführt wird, wird die Existenz einer sadomasochistischen Subkultur in keinster Weise erwähnt. Der Autor betont, daß für ihn das entscheidende Kriterium, ob es sich um eine Deviation handele oder nicht die Frage ist, in wie weit die Praktik zur Arterhaltung dient. Und über 70 Jahre nach dem ersten Erscheinen von Freud lautet die Empfehlung zur Behandlung, dessen Notwedigkeit wie selbstverständlich angenommen wird, für den Sadismus wie den Masochismus die Psychotherapie und Psychoanalyse.

(Bräutigam)

Gründe für die Aufgabe der Vorstellung

Inzwischen geht die Sexualmedizin von der Vorstellung des scripted behaviour. Erwin Häberle schreibt in der Einleitung zu Szenen und Rituale1:

Wie die neuere amerikanische Sexualforschung immer wieder betont hat, ist Sexualverhalten "skriptiertes Verhalten" (scripted behaviour), folgt also gewissen, interaktiv erworbenen individuellen und sozialen "Skripts", dh. Vorlagen, Mustern oder Definitionen für sexuelle Geschehnissen und Situationen und ihre Interpretation.

Das auch noch unter Medizinern weit verbreitete Interpretationsschema der Psychoanalyse nach Freud wird dadurch abgelöst:

Diese neue Sichtweise gab endlich der alten, besonders von Freud propagierten Vorstellung eines "Sexualtriebes" den Abschied, und so musste auch die Erklärung für nicht-konformes Sexualverhalten anderswo gesucht werden als bisher.

Mit den Skripts lassen sich nur viele Aspekte auch des Sadomasochismus

Andere Erkenntnisse zeigen einen deutlichen Unterschied:

Sie (die sadomasochistische Subkultur) bietet einen ritualisierten, aber reich ausgestatteten Phantasie-, Sprach- und Handlungsbereich, der sexuellen Gewalttätern, vergewaltigenden Männern oder Nekrophilen (sexuelle Vorliebe für Tote) gerade völlig fehlt.

Die strenge Trennung zwischen Menschen mit sadistischen und masochistischen Neigungen wird durch die Vorstellung des Switch ersetzt, der zwar eine starke Vorliebe bis zum fast völligen Ausschluss der anderen Seite haben kann, aber prinzipiell nicht auf eine Richtung fixiert ist. Die zentrale Bedeutung des Schmerzen wird durch den Power Exchange (s. Eintr.: Machtaustausch), der temporären Übergabe der Macht des Bottoms an den Top, ersetzt, in dessen Rahmen die gesamte Palette der sadomasochistischen Praktiken wie Statusspiele, Fesselspiele und weiterhin auch Schmerzen als Formen der Machtdemonstration interpretiert werden. Neu ist der grundliegende Begriff der Konsensualität (freiwillige Beteiligung aller Teilnehmer), der eine striktere Teilung zwischen der harmlosen Gruppe der Sadomasochisten auf der einen und der Realsadist (s. Eintr.: Soziopath)en auf der anderen Seite zulässt. Die parallel zum power exchange stattfindende Übertragung der Verantwortung von dem Bottom auf den Top hat das Feudalmodell des Sadomasochismus hervorgebracht und Einsichten über der dazu notwendigen Vertrauens-Fähigkeit auf beiden Seiten zu einer Umwandlung des Bildes von den emotional verkümmerten Sadisten und Masochisten zu den emotional vollwertigen Sadomasochisten geführt. Eine Indikation zur Therapie wird nur noch dann gestellt, wenn ein starker Leidensdruck bei dem Betroffen besteht oder bei Realsadismus. Ähnlich wie bei anderen Paraphilien, insbesondere der Homosexualität, gibt es in den meisten westlichen Ländern keinen generellen Versuch mehr, die Sexualität einer vorgegebenen gesellschaftlichen Norm anzupassen (Vgl. dazu allerdings Spanner Case).

Literaturhinweise:

1 Wetzstein, Thomas A. / Steinmetz, Linda / Reis, Christa / Eckert, Roland:
    Sadomasochismus - Szenen und Rituale  [Details]
2 Freud, Sigmund:
    Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie  [Details]
3 Petra (Autor ungenannt):
    Sex und Macht - Spezial  [Details]
4 Thompson, Mark (ed.):
    Leatherfolk: Radical Sex, People, Politics, and Practice.  [Details]
5Dieser Literaturverweis ist noch ungültig.
  Wir arbeiten dran.
6 Giese, Hans:
    Psychopathologie der Sexualität  [Details]
7 Kinsey, Alfred C. / Pomeroy, Wardell B. / Martin, Clyde E.:
    Das sexuelle Verhalten des Mannes  [Details]
8Dieser Literaturverweis ist noch ungültig.
  Wir arbeiten dran.

 

Synonyme: Forschungsgeschichte

Auf diesen Eintrag verweisen: EMMA, Fetischismus, Forschung, Geschichte des Sadomasochismus, ICD, Kinsey-Report, Kontaktanzeigen, Literatur, Masochismus, Medizin, Medizinische Forschung, Paraphilie, Philosophie, Sacher-Masoch, Leopold von, Sadismus, Sadismus und Masochismus, Sartre, Jean-Paul, SM, Stand der Forschung, Subkultur, S&M

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Stand: 16.02.2003.

 

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