Papiertiger

Der Papiertiger: Schutzengel

 
   
   
   
   
   
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Der Papiertiger ist eine Enzyklopädie des Sadomasochismus, zusammengestellt von Datenschlag. Hier versuchen wir, möglichst umfassend, Begriffe aus dem SM-Bereich zu erklären.


Engl. Guardian Angel, von Jay Wiseman1 auch silent alert genannt. Einfache, aber wirkungsvolle Möglichkeit, die Sicherheit bei der Begegnungen mit Fremden zu erhöhen.

Die zu beschützende Person (der Beschützte) macht mit einem sehr guten Freund (dem Engel) aus, daß Letzterer innerhalb einer genau festgelegten Zeit einen Anruf erhält. Der Beschützte trifft sich dann mit einer unbekannten Person (dem Fremden). Erfolgt ein Anruf nicht innerhalb der festgelegten Zeit, ruft der Schutzengel die Polizei. Das Funktionieren der Methode beruht auf dem bedingunglosen Einhalten der abgemachten Vorgehensweise, auch wenn einige Elemente zuerst etwas extrem erscheinen.

Der Beschützte muß vor dem Treffen wissen, wo genau das Treffen stattfinde und mit wem und dies seinem Engel vorher mitgeteilt haben. Wenn er den Fremden trifft, muß relativ bald klar gemacht werden, daß er zu einer gewissen Zeit bei einem ("unglaublichen nervösen, übermässig besorgtem") Bekannten oder Familienmitglied anrufen muss. Ob man das gleich am Anfang oder im Laufe des Abends sagt, hängt von der Situation ab. Die Tatsache, daß es diesem Bekannten zuzutrauen ist, die Polizei zu rufen, sollte ebenfalls deutlich werden, falls man kein ganz gutes Gefühl hat. Der Einwand des Fremden, daß er kein Telephon hat, zählt nicht, weil man dann erst recht zu einer Telephonzelle finden muss.
Idealerweise sollte bei dem Anruf dann eine Uhrzeit festgelegt werden, wann der Beschützte wieder Zuhause sein wird. Der Beschützte nimmt in Kauf, daß es seine und nur seine Schuld ist, wenn er den Anruf vergisst und auf einmal die Polizei vor der Tür steht - und erklärt sich bereit, sich auf jeden Fall bei den Beamten für ihre Sorge zu bedanken.

Vom Schutzengel wird neben der ständigen Erreichbarkeit eine bedingunglose Bereitschaft verlangt, bei Ausbleiben des Anrufs die Polizei zu verständigen. Wie alle Abschreckungsstrategien funktioniert die des Schutzengels nur dann, wenn allen Beteiligten klar ist, dass der entscheidende Anruf automatisch erfolgt. Der Schutzengel versucht nicht, bei dem Fremden anzurufen. Im Ernstfall kann das den Fremden in Panik versetzen und bei falschem Alarm hat der Beschützte jede Standpauke der Polizei verdient. Die Polizei selbst ist mit diesem Verfahren vertraut und immer bereit, ein Streife vorbeizuschicken, nicht zuletzt deswegen, weil ihnen einige hundert Fehlalarme lieber sind als ein Mordfall.

Es kann nicht empfohlen werden, der Polizei mitzuteilen, daß es sich bei dem Beschützten um einen Sadomasochisten handeln. Es geht dabei nicht um die Frage, ob die Polizei einen Hilferuf von einem vermeindlich Perversen ernst nimmt oder nicht. Da Polizisten mit schöner Regelmässigkeit zu völlig harmlosen Situationen gerufen werden, wo es wieder einmal jemand geschaft hat, sich selbst nicht mehr aus eigenen Fesselung befreien zu können, besteht die Gefahr, daß der Anruf in diese Richtung missverstanden wird. Damit riskiert man, daß Beamte mit völlig falschen Vorstellungen in eine möglicherweise lebensbedrohliche Situation geschickt werden.

Unter keinen Umständen sollte der Schutzengel selbst zu dem Ort fahren, sonst hat man am Ende gleich zwei Leute zu tun, die in ernsten Schwierigkeiten sind, statt nur einem. Er sollte an dem Ort bleiben, von dem er den Anruf geführt hat, damit er von der Polizei erreicht werden kann und bereit sein, weitere Freunde oder Verwandte über die Situation zu informieren. Bei einem Fehlalarm bedankt sich auch der Schutzengel bei der Polizei für ihre Hilfe. Es muß nicht gesagt werden, daß ein Anrufbeantworter kein Schutzengel ist und ausgeschaltet gehört.

Der Fremde sollte die Situation begrüssen und sich freuen, daß er jemanden kennengelernt hat, der einen guten Sinn für Sicherheit besitzt und die nötige Selbstdiszplin hat, diese Regeln auch durchzuziehen. Er sollte nicht versuchen, den Namen des Schutzengels in Erfahrung zu bringen und auch nicht versuchen, dem Gespräch zu lauschen.

Ein Beschützter, der sich nach einem Fehlalarm nicht erst recht bei seinem Engel bedankt, ist des Schutzes nicht wert. Ein Engel, der trotz abgelaufener Zeit aus Angst vor einem Fehlalarm nicht die Polizei ruft, handelt kriminiell, ihm kann in Zukunft nicht vertraut werden. Ein Fremder, der sich durch das Vorgehen beleidigt fühlt, ist eine nähere Bekanntschaft nicht wert.

Beschützter und Schutzengel sollten sich auf eine Abart eines Safewords einigen, einen möglichst unauffälligen Satz, der dem Engel signalisiert, daß er trotz des Anrufs in Schwierigkeiten steckt; beispielsweise "Kannst Du mal nach dem Hund schauen?" wenn der Beschüzte nicht mal Goldfisch zu Hause hat. Idealerweise gibt der Schutzengel eine Bestätigung, daß er verstanden hat (hier vielleicht "Ja, wenn es sein muss, ich habe deinen Schlüssel"). Dieser Punkt wird leider oft übersprungen, darf aber nicht fehlen.

Obwohl sicher kein Allheilmittel, gibt die Schutzengel-Strategie eine gewisse Rückendeckung für neue Bekanntschaften, wie sie unter Sadomasochisten nicht unüblich sind. Der Preis dafür ist streng durchgeführten Version ein Verlust der Spontanität und möglicherweise ein sehr kurzer Abend. Meist verlässt sich der Beschützte sich auf seine Menschenkenntnis und glaubt zu wissen, ob sie den Fremden für die restliche Zeit nach dem Anruf trauen kann oder nicht, ohne eine Zeit festzulegen, wann sie Zuhause sein wird.

Verwandt mit dem Schutzengel wird bei der Selbstfesselung (s. Eintr.: Fesselspiele) oft als letzte Absicherung ein Bekannter mit einem Haustürschlüssel zu einer gewissen Zeit einbestellt, mit der Anweisung, sich selbst hineinzulassen, wenn es keine Antwort auf einen Anruf gibt.

Eine relativ neue Seite, die speziell für Frauen im deutssprachigen Bereich S vermittelt findet sich unter www.blinddate-security.com.

Literaturhinweise:

1 Wiseman, Jay:
    SM 101  [Details]

 

Synonyme: Guardian Angel, Silent Alert

Auf diesen Eintrag verweisen: Selbstfesselung, Sicherheit

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Stand: 24.09.2001.

 

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